Oskar Rink

SCHICHTEN

February 21, 2015

Vernissage: February 20, 19 – 22

Oskar Rinks skulpturale, weiße Collagen erinnern an manifestierte Traumwelten. In der Ausstellung „Schichten“ scheint der Besucher eine solche fragile Welt gar selbst zu betreten: Den ersten Eindruck dominiert die großformatige und doch leichte, ganz in Weiß gehaltene Wandinstallation  HÜLLE. Ihr Gegenüber stehen fünf Vitrinen, die Einblicke in verschiedene Miniaturwelten bieten: Scheinbar den Gesetzen der Statik und Schwerkraft trotzend, schweben die grazilen Konstruktionen CONATUS (2014), MORGEN (2014) und DER GEDANKE (2014) losgelöst über schwarzen Podesten. Allein zarte Verstrebungen geben den architektonischen Fragmenten halt und fügen diese zu kleinteiligen Kompositionen zusammen.
Im Zentrum der künstlerischen Praxis der Leipziger Künstlerin Oskar Rink steht das Material Papier. Erst auf den zweiten Blick ist zu erkennen, dass alle ihre Arbeiten aus diesem Material gefertigt sind, von den fragilen, detailversessenen Skulpturen bis hin zum Kleid in der Fotoserie EGLANTINE I & II (2014). Für Rink ist der Werkstoff Papier zu einem vielfältigen und expressiven Ausdrucksmittel geworden. In den großformatigen Zeichnungen dient ihr Papier als klassisches Trägermaterial, wohingegen es in ihren skulpturalen Arbeiten zum Rohmaterial wird. So nimmt es in diesen „gebauten Zeichnungen“ immer neue Formen an oder wird mittels intensiver Bearbeitungen in unterschiedliche Zustände versetzt. In der Fotoserie wird es gar in Form eines Kleides zu einer zweiten Haut, um sich dann durch den Kontakt mit Wasser gänzlich aufzulösen – eine ephemere Schutzschicht, die sich das Model in EGLANTINE II schließlich vom Körper pellt, bis nur noch die Nähte übrig bleiben.
Die spezielle Technik der Übersetzung einer zweidimensionalen Fläche in ein dreidimensionales Volumen hat sich Rink in ihrem Studium des Schnitts und Entwurfs angeeignet und weiter entwickelt. Schrittweise erschließt sie sich auf diese Weise immer weitere Dimensionen der Darstellung. Den Ausgangspunkt dafür bilden ihre perspektivischen Guckkästen. So ist die Arbeit EL (2013) als eine Hommage an den avantgardistischen Maler der frühen Moderne, El Lissitzky zu lesen, der die Definition von Bild revolutionierte. Mit der Überwindung des klassischen Rahmens der Malerei setzt sich Rink in ihrer Arbeit intensiv auseinander. So ist der Rahmen ein immer wiederkehrendes Motiv: Er lenkt den Blick auf bestimmte Ausschnitte und weckt gleichzeitig das Interesse gerade für die durch ihn verdeckten Stellen. In den Vitrinen-Arbeiten werden die rundum schwarz eingefasste Glas-Kanten gar zum dreidimensionalen Rahmen, der beim Betrachten der Arbeit immer wieder neue Bilder generiert. Im Werk DER GEDANKE (2014) greift Rink direkt in diesen Wahrnehmungsprozess ein, indem sie den Rahmen selbst zum Bildträger werden lässt. Sie hat das Glas mit schwarzem Garn umwickelt, sodass sich ein feines Netz an schwarzen Linien als Schicht über die weiße Welt der Papierskulptur legt: Dieses scheint die der Glashülle innewohnende Gedankenwelt zugleich zu verhüllen und zusammenzuhalten.
Diese gezielt eingesetzten Störmomente zeigen, dass ihre Werke einen zweiten und dritten Blick begehren – unter jeder Schicht gilt es eine neue zu entdecken. Dies wird besonders in ihren, speziell für die Ausstellung angefertigten, großformatigen malerisch-zeichnerischen Arbeiten DER GEDANKE (COLOR) und ROT (ODER WENN POETEN VERSUCHEN DAS WETTER VORHERZUSAGEN) deutlich, die in einer speziellen Kombination aus Zeichnung und Wischöltechnik Schicht für Schicht entstehen. Auch die Farbe Weiß ist bei Rink keinesfalls mit Reinheit belegt, ganz im Gegenteil, die Künstlerin macht denn Prozess, die manuelle Arbeit, durch dabei entstandene Spuren im Werk sichtbar. Mögen die Papierarbeiten auf den ersten Blick an japanische Falt-Techniken erinnern, so präsentieren sie sich mit diesen Spuren in einer unerwarteten Rohheit. Es sind Ambivalenzen wie diese, die den Betrachter immer tiefer in ihre Welten ziehen und seine Aufmerksamkeit fesseln. Doch kann die Traumwelt jederzeit zum Albtraum werden: Denn Weiß hat die besondere Eigenschaft, dass es alle Farben enthält und dadurch zur idealen Projektionsfläche wird. So kann sich jede und jeder in diesen Miniaturwelten wiederfinden – aber auch verlieren.