DTAGNO


english version below

In nur wenigen Augenblicken schafft der Berliner Writer DTagno komplexe Wandbilder, die aus einer einzigen Linie bestehen. Entwickelt haben sich die sogenannten Oneliner aus der Beschäftigung mit Tags und Throw-Ups, den Grundformen des Graffiti. Anfänglich handelte es sich noch um lesbare Zeichensetzungen. Buchstaben und Wörter die in einer fließenden Bewegung spontan und unmittelbar auf die Wand gesprüht wurden, hatten immer auch einen semantischen Gehalt. Mittlerweile sind die Buchstaben nur noch Anlass für ein Bild. Sie werden im Moment des Sprühens so frei variiert, dass sie letztlich in reinen Formen und Strukturen aufgehen. Auf diese Weise befreit sich DTagno von sprachlichen Zwängen und Konventionen. Sein Interesse richtet er auf die emotionalen und ästhetischen Ausdrucksmöglichkeiten von Schrift. Er selbst sagt dazu: „Ich male Schrift und schreibe Figuren." Darin kommt eine Haltung zum Ausdruck, die Parallelen zu fernöstlicher Kalligrafie aufweist. Insbesondere in der chinesischen Schriftkultur, gibt es abstrahierende Ausformungen, die der Gestaltung von Schriftzeichen eine größere Bedeutung beimessen als ihrer Lesbarkeit. Hier wie dort wird die Schrift zum Bild.


Das Writing ist im Vergleich zu anderen Kunstformen auffallend körperbetont. Das gilt im besonderen Maße für DTagnos Oneliner. Die Reduktion auf eine einzige langgezogene Geste hebt den Entstehungsprozess hervor. Ausgedehnte Schwünge und Kreisbewegungen, rhythmische Sequenzen und Richtungswechsel folgen schnell aufeinander. Sie hinterlassen eine flüchtige Spur bestehend aus deutlich konturierten Passagen und zerstaubenden Farbwolken. Die Wand ist in dieser Form nicht nur Bildgrund sondern Aktionsort künstlerischen Handelns. Ähnlich dem Action Painting eines Jackson Pollocks reagiert DTagno auf körpereigene Impulse. Man denke nur an Pollocks vielzitierten Tanz über der Leinwand. Wie ein Schamane bewegte er sich hin und her und versuchte auf diese Weise im freien Fluss der Farbe unbewusste Energien freizulegen. DTagno agiert sehr ähnlich vor den Wänden und Hausfassaden der Stadt. Eine Choreografie im Sinne eines geplanten Bewegungsablaufs ist auch hier nicht vorgegeben. Sie entsteht im Moment des Sprühens. Der kontrollierte Zufall wird so zum gestalterischen Antrieb. Diese Freiheit erlaubt DTagno eine erstaunliche Intensität und Direktheit, die sich deutlich von den aufwendig ausgestalteten Pieces zahlreicher Writer abhebt.

- Ingo Clauß



The Berlin-based writer DTagno creates complex murals consisting of a single line in a matter of only moments. These socalled one-liners developed from his involvement with tags and throw-ups, graffiti's basic forms. Initially, they were still readable characters. The letters and words that were spontaneously and directly sprayed onto the wall in one flowing movement always had semantic content. In the meantime, the letters have become only the motive for a picture. They are varied so freely while they are being sprayed that they ultimately merge into pure forms and structures. DTagno liberates himself in this way from linguistic constraints and conventions. He directs his interest toward the emotional and aesthetic expressive possibilities of letters. The artist comments: "I draw letters and write figures." This comment embraces an attitude that exhibits parallels to Oriental calligraphy. In the Chinese writing culture in particular there are abstracting forms that ascribe greater meaning to the shape of letters than their readability. Here, like there, writing becomes an image.

 

Compared with other art forms, writing is noticeably physical. This especially applies to DTagno's one-liners. Reduction to a single sustained gesture highlights the creation process. Wide sweeps and gyrations, rhythmic sequences and changes of direction follow in quick succession. They leave behind a fleeting trace consisting of clearly contoured passages and nebulous clouds of color. In this form, the wall is not only the ground of the mural but a site of artistic activity. Much like Jackson Pollock's Action painting, DTagno responds to his own body's impulses. One need only bring to mind Pollock's much-cited dance over the canvas. He moved back and forth like a shaman and tried in this way to release unconscious energies in the unfettered flow of paint.

- Ingo Clauß


SELECTED EXHIBITIONS


»BLK RIVER FESTIVAL«
blk river festival galerie, Wien, 2009

» dans la Rue«
Fondation Cartier,Paris, 2009

»
Wir Sind Nicht Die Affen In Deiner Horde! DTagno/Tryone«
Urban Art Info, Berlin, 2009

»Lynchmob« (Group show)
HBC, Berlin Alexanderplatz. Curated by Emilie Trice & Christopher David, 2009

»Urban Art - Werke aus der Sammlung Reinking« (group show)

Weserburg - Museum für moderne Kunst, Bremen, 2009

»High End Vandalism Breaking Into Piece« (solo show)

Circleculture Gallery, Berlin, 2008

 

»The Alternative Philosophy« (group show)
T
he Leonard Street Gallery, London, 2008

 

»Backjumps« (goup show)
Bethanien Kunstraum, Berlin, 2007

 

»Berlin - Tokyo Issue Backjumps special«
Wonder Site Gallery, Tokyo, Japan, 2005


»Typomesse 2004«
Lecture in cooperation with the Jazzstylecorner
Haus Der Kulturen der Welt, Berlin, 2004

 

»4 Your Brain to Suck!«
Bundesallee, Berlin,  2003

 

 »Next 2000«
 
Akademie der Künste, Berlin, 2000

 

»Aufstand der Zeichen«
Toskanische Säulenhalle, Augsburg, Germany, 1996